Donnerstag, 17.November 2011, 20:00

Los Santos und Thomas C. Breuer
"Der Milde Westen" 

Fotos © Anana Nogorny

Starkenburger Echo
22. November 2011  | Von Brigitte Bärenz

Mit spitzer Zunge um die Welt - Kabarett: Thomas C. Breuer und „Los Santos“ vollziehen Parforce-Ritt in den „Milden Westen“

Fürth - Thomas C. Breuer und Stefan Hiss – Kabarettist und Autor der eine, Sänger und Akkordeonist der andere – zwei Männer, die sich eigentlich gar nicht gesucht, dann aber doch gefunden haben, und das ganz zufällig im (Wein-)Keller eines gemeinsamen Freundes in Köln. Dort wurde der Grundstein für eine Freundschaft gelegt, die sich mittlerweile in einer künstlerischen Zusammenarbeit entfaltet, in deren Genuss nun auch das Weschnitztaler Publikum kam. Und es war wahrlich ein Genuss, den Breuer und Hiss mit seiner Band „Los Santos“ den Zuhörern in der voll besetzten Fürther Studiobühne von Mattl Dörsam bescherten.
Nach Westen wollte das Gespann ziehen, landete aber zunächst im Norden. Schließlich liegt Stuttgart, die Wahlheimat „der Heiligen“, südlich der Weschnitztalgemeinde. Ebenso Rottweil, die Heimat des Kabarettisten, der mit Fug und Recht behaupten kann, als erster Rottweiler vor Neufundländern aufgetreten zu sein (wirklich).
Aber Himmelsrichtungen spielten an diesem Abend ohnehin eine untergeordnete Rolle, denn ob die Route nach Westen oder Osten führt, hängt letztlich vom Standort des Reisenden ab. Für Breuer, Hiss und seine Kollegen liegt das Ziel indes klar vor Augen. Die Herzen streben in den „Milden Westen“, an einen nicht näher benannten Ort irgendwo in Texas – oder vielleicht auch Mexiko, wo die Wurzeln der „Los Santos“ liegen.
Dass diese Wurzeln aber längst Ausläufer in andere Regionen des „gelobten Landes“ ausgebildet haben, ließen Stefan Hiss (Akkordeon, Gesang), Winfried Wohlbold (Pedal Steel), Joscha Brettschneider (Gitarre) und Bernd Öhlenschläger (Schlagzeug) gleich zu Beginn erkennen. Da streute das Akkordeon ein wenig Cajun-Atmosphäre, während die Gitarre zu rockigen Läufen ansetzte, die Pedal Steel hawaiianisch vor sich hin säuselte und das Schlagzeug im Salsa-Rhythmus tanzte.

Der Mann, der, so Hiss, Liberty Valance erschoss, bereitete diesem fröhlichen Treiben ein jähes Ende. Tatsächlich hat Breuer ein wenig Ähnlichkeit mit James Stewart, der als rechtschaffener Ransom Stoddard in dem gleichnamigen Film einen Terror verbreitenden Gangster zur Strecke bringt. Scharf geschossen wurde bei Breuer indes nicht – zumindest nicht mit Blei. Er ballerte stattdessen mit Wortsalven, das aber so treffsicher, dass er für seine spitze Zunge zum Mitführen eines Waffenscheins verpflichtet werden sollte.
Nachdem sich „Los Santos“ mit „Delia is gone“ in schwelgerischen Tönen von einer liebreizenden Frau verabschiedet hatten, schmetterte Breuer seine amerikanischen Begrüßungsfloskeln ins Publikum – sehr frei übersetzt selbstverständlich. „Diese Rituale sind so ausufernd, da bleibt keine Zeit mehr für tiefschürfende Gespräche“, konstatierte er, während seine Zuhörer verzweifelt nach Luft schnappten. Zum tief Durchatmen blieb indes keine Zeit, denn auch Breuers nächste Attacke traf direkt ins Zwerchfell.
Als regelmäßiger Besucher der Vereinigten Staaten kennt er die Einreiserituale ganz genau. Und die tragen fast schon paranoide Züge. Denn natürlich würde jeder potenzielle Terrorist freimütig bekennen, dass er mit der Absicht in die USA reist, Fort Knox um seine Goldvorräte zu erleichtern, um den Anschlag auf die Freiheitsstatue finanzieren zu können und das Pentagon in die Luft zu jagen.
Nach einem kurzen Abstecher in das absurde Verbotsregister einiger Staaten überließ Breuer die Bühne wieder seinen musizierenden Kollegen, die in einem munteren Country-Swing das Fenster nach Süden aufstießen, um sich gleich darauf nach Osten zu wenden – eine Blickrichtung, die dem durchschnittlichen Amerikaner eigentlich nicht so ganz geheuer ist.

Aber mit „Twisting in the Taiga“ bewiesen Hiss und seine Mannen, dass der Osten auch Westen ist, schließlich liegt Sibirien genau auf der anderen Seite des Globus', quasi gegenüber von Laramie, von wo aus Breuer zur nächsten Runde startete. Mit ein paar verdrehten Buchstaben und Silben kalauerte er munter drauflos und skizzierte typische Charaktereigenschaften von Deutschen und Amerikanern – Vorurteile inklusive. Und weil Garstigkeiten jedweder Art gleich gesühnt werden sollten, bettelten „Los Santos“ bei „La reina del dolor“, der Königin der Schmerzen, um Vergebung.
Derart geläutert konnte der Mann vom großen (Rede-)Fluss gleich zum nächsten Tiefschlag ausholen. Diesmal traf es die Bahn. Breuer plauderte über Kopf- und Sackbahnhöfe, Gut- und Wutmenschen, Uno-Blauhelme in Stuttgart und den Geißler der Menschheit, bevor er das Publikum mit Bleichgesichtsstörungen in die Pause schickte. Auch im zweiten Teil des Abends forderte er die Zuhörer dazu auf, mit ihm so manche gedankliche Hürde zu nehmen. Und die kamen zunächst in der Gestalt des texanischen Gouverneurs Rick Perry daher, den selbst die Amerikaner als „Bush without brain“ bezeichnen.
Von Indianerhäuptlingen mit französischem Akzent schlug er den Bogen zum Rüstungswettlauf in Kinderzimmern und zur Fernsehsucht diesseits und jenseits des Atlantiks. Eigentlich hätten „Los Santos“ mit ihrem „Rag Mop“ den passenden Schlussakkord setzen können, wenn da nicht ein stürmisch erklatschter Zugabenblock einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Sicherlich wird sich das Publikum auch den nächsten Parforce-Ritt nicht entgehen lassen.

 

Los Santos und Thomas C. Breuer

Stefan Hiss  Gesang, Akkordeon
Winfried Wohlbold        Pedal Steel
Bernd Öhlenschläger    Schlagzeug, Percussion
Joscha Brettschneider  E-Gitarre
Thomas C. Breuer         Stimme, Texte

Sie sind unterwegs mit einer Handvoll Liedern und Texten, die sie in Texas, Mexico und auf Hawai’i, auf unwegsamen Terrain nördlich, östlich und westlich des Río Grande zusammengetragen haben, aber auch in Bars, Flughafenterminals und auf Friedhöfen. All das hört man in den Songs und Balladen von Los Santos. Wenn Akkordeon, Colt und Gitarre schweigen und die harte Arbeit auf der Ranch ruht, schiesst Thomas C. Breuer, der verbale Messerwerfer und Meister des geschliffenen Wortes aus der Selva Negra seine Spitzen ab. Und Los Santos ruhen nicht dazu, untermalen das gesprochene, gesungene und mitunter geschrieene Wort bisweilen mit Akkordeon, Pedal Steel und Schlagzeug.
Ein bunter, ja farbenfroher Abend in der Neuen Welt ohne ermüdenden Transatlantikflug oder entwürdigende Einreiserituale, der dem geneigten Besucher die ausgezuzelten Sehnsuchtsbatterien wieder auflädt im Nu.
Brutale Boleros, waghalsige Wahnvorstellungen über den Wilden Westen, leidenschaftliche Liebeslieder, tadellose Texte über Texas, Songs voller Sehnsucht, knochentrockene Trinkerballaden und glutheiße Gesetz-losengesänge. Und stets der Wahrheit verpflichtet.

 

     
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